Die Treppe, die nach unten auf den Burghof führt, ist hell erleuchtet. Die Abendveranstaltung des Führungsforums beginnt gerade. Der Himmel wird langsam dunkel und die Spätsommerluft kühl. Unten warten viele Menschen. Einige sitzen auf den Bänken, auf der Treppe. Andere stehen mit ihren Gläsern an die kalte Mauer gelehnt. Sie warten, dass irgendwer anfängt. Irgendwer - das sind dann wohl wir, die wir klopfenden Herzens auf der Treppe stehen. Widerwillig haben wir zuerst daran gedacht heute Abend den Anfang zu machen, vor so vielen fremden Bündischen und PfadfinderInnen und auch noch zum Thema „Mensch". Aber als uns dann gestern und heute immer mehr einfiel, begann es sogar Spaß zu machen. Noch ist es allerdings nicht überstanden, wer weiß, wie die da unten unsere Mischung aus Zitaten, Sprichwörtern, Liedern und Zeitungsartikeln aufnehmen werden. Gespannt und aufgeregt beginnen wir also: „Zufrieden jauchzet groß und klein, hier bin ich Mensch, hier darf ich`s sein.". Ein Lächeln huscht hier und da über die Gesichter, vielleicht in Erinnerung an die Zeit, in der man sich mit dem launischen und stets unzufriedenen, aber doch sehr menschlichen Faust, auseinander setzen musste. Aber wir lassen keine Zeit für Erinnerungen, denn nun folgt Hamlet, mit der Frage die Shakespeare sicher jeden Tag in den Ohren klingelte: „Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage." - „Oder was ist hier die Frage?". Wir sind - und deshalb erzählen wir nun die bekannte Geschichte des unglücklich verliebten, der aus Enttäuschung in Selbstmitleid versinkt: „Es soll sich der Mensch nicht mit der Liebe abgeben ...". Nachdem unsere Stimmen verklungen sind, nehmen wir dieses Lied zum Anlass unsere Gedanken zu der Depression des Autors und modernen Lebensweisheiten unserer Generation (ein Zeitungsartikel nach dessen Umfrage wir alle unser Leben so interessant planen wie ein Legomodellhaus) zu äußern: „Es irrt der Mensch so lang er lebt.". Das Herzklopfen lässt langsam nach und so schlimm scheinen unsere Zuhörer unseren Beitrag auch nicht zu finden. Mit weniger zitternder Stimme lesen und singen wir weiter, über die Abwanderung in Mecklenburg-Vorpommern und der großen Arbeitslosigkeit, über Politik, die Menschen dazu bringt, ihre Heimat zu verlassen: „Die Politik, die Politik reicht bis an ihren Küchentisch, entscheidet ob die Menschen, die Menschen bleiben oder nicht."(Siebenbürgen). Auch die nächsten Lieder bleiben dunkel und traurig durch das Irren der Menschen: „Soldaten wohnen auf den Kanonen", „Soll der Mensch den Menschen nie mehr nach der Schlacht betrauern.". Dieser Wunsch ist alt und doch: ein Zeitungsartikel über einen Anschlag in Bagdad dieser Woche, bei dem wieder viele Menschen starben. Aber wir wollen unser Publikum ja nicht nur betroffen machen. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Mit dieser Empfehlung bringen wir die Aufmerksamkeit wieder auf das Jetzt und Heute: Veränderung in der Einwanderungspolitik und ein amüsanter Artikel in der allseits geliebten „Bild", dem wir unter Grinsen nur noch anfügen: „Weil ihr glotzt, müsst ihr sehen lernen." Da fangen wir doch gleich mal mit uns selber an: „Der Herzmuskel pumpt das Blut stoß-wei-se aus der offenen Wunde." oder „Lieber gar kein Herz, als ein Herz aus Pa-pri-ka!" und andere Liedspiele zum Thema menschlicher Körper verscheuchen die Traurigkeit nun vollkommen: „Während du verliebt bist sind andere völlig verzweifelt und wenn du frühstückst wer- den andere von Bomben zerfetzt. Das hört sich schlimm an, ist es aber nicht ganz, denn zum Glück gibt es die räumliche Distanz!". Trotz fehlenden Eisbären und weiter Distanz zum Strand, erscheint (zumindest akustisch) auch Herbert Grönemeyer, mit ewig strapaziertem Hals und seinem berühmten: „Und der Mönsch heißt Mönsch..." vor einer Zeitungsmeldung über ein Neugeborenes. Diesem überlassen wir unter Summen die Bühnen-Treppe mit einem letzten: „Mönsch, Mönsch, Mönsch." Erleichtert sinke ich an die Mauer und um mich herum lächeln die doch gar nicht so fremden Gesichter. Nach dem Applaus (Auch das Neugeborene hat irgendwann klammheimlich die Bühne verlassen.) erscheint der Redner des Abends. Er stellt sich auf die Treppe ins Licht. Nun ist es vollkommen dunkel. Er erzählt von eigenen Erfahrungen als führender Mensch, was sicher nicht immer ganz leicht ist. Wo man oft gefragt wird, warum man soviel von seinem eigenen Leben aufgibt, für andere oder für etwas. Obwohl man selbst, im Sinne unserer Gesellschaft, so wenig davon zurück bekommt, für sich, seinen Lebenslauf, sein Konto. Bestimmt würden alle hier in diesem Burghof andere Gründe finden und erklären. Aber wie beschreiben wir Außenstehenden die Faszination an einem dreiwöchigen anstrengenden ‚Urlaub‘, mit schwerem Affen, dreckigen Sachen und einer Menge jüngerer (im Sinne der Fragenden: nicht ebenbürtigen) Kinder. Wunderschöne, atemberaubende Landschaften können auch vom Auto oder bei einem Tagesausflug bestaunt werden. Die Kultur des Landes und die Lebensweisen können doch genug beim Hotelpersonal erlebt werden und wer opfert denn bitte jede Woche zwei Stunden der kostbaren Zeit um zu basteln oder zu spielen? Aus eigener Erfahrung können viele sagen, wie schwer und aussichtslos dieser Versuch ist. An diesem Abend findet der Redner eine ganz andere Antwort. Sie passt in die Geschichte der Jugendbewegung, die schon am Anfang ganz neue Ansätze zur Lebensgestaltung zeigte. „Wir wollen durch unser Führen die Gesellschaft nach unseren Vorstellungen verändern." Er hat recht, wir nehmen Einfluss auf die Entwicklung vieler Menschen (sie zweifellos auch auf die unsere). Sensibilität für neue Erfahrungen, das Aufnehmen unserer Umwelt (sowohl der Natur, als auch der Menschen), Toleranz und damit immer wieder veränderte Sichtweisen auf das Leben sind unser Gewinn und unser Geschenk an andere Menschen und die Gesellschaft. Wie oft habe ich schon in den Texten älterer Bündischer gelesen, wie sie dieser Geist veränderte und beeinflusste. Auch ich selbst, die ich hier an der kalten Steinmauer lehne, kenne diese Veränderung und die Begeisterung für neue Ideen in meiner Sippe, dem Stamm oder Bund, aber auch in der Schule. So zeichnet der Redner ein ganz anderes Bild zwischen ‚Mensch‘ und ‚Führen‘, als wir, aber trotzdem ein sehr interessantes. Beim Applaus stelle ich mich wieder hin, meine Beine werden langsam müde. Bei der Rede konnten die eigenen Gedanken kreisen. Das wird jetzt anders. Die Musikcombo baut sich auf. Langsam erwache ich wieder aus mir selbst. Alle sind gespannt, was die da vorne jetzt anstellen. Die Musik nimmt uns dann alle wieder gefangen. Es sind vertonte Gedichte. Auch sie handeln wieder von Krieg. Gitarre, Bass, Trommel und Querflöte begleiten schöne, aber auch traurige und bittere Texte. Zwischendurch werden Gedichte aus den kerzenerleuchteten Fenstern hinunter vorgelesen. Der Burghof ist dunkel und still, nur am gegenüberliegenden Ende (von der Treppe aus) ist Licht für die Musiker. Irgendwann fliegen nach einem Gedicht viele bedruckte weiße Zettel aus den Fenstern, wie kleine Vögel flattern sie in den Burghof. Auch auf ihnen stehen Verse gegen und über den Krieg. Applaus beendet diesen so gelungenen Abend. Das Thema wurde zwar sehr unterschiedlich, aber trotzdem sehr interessant interpretiert. Die Menge verläuft sich. Ein Teil bleibt auf dem Hof bei einer Liederrunde, mit Gitarre, Querflöte, Klarinette und Gesang. Andere setzen sich in den großen Saal und trinken Wein und Saft aus den Glaskrügen. Überall wird erzählt und man tauscht sich über den gelungenen Tag aus.

Inga Ahlgrimm (Raya)
Pfadfinderbund Mecklenburg-Vorpommern