Kathleen Holznagel, Auszubildende beim Landkreis Nordvorpommern, hat die Wünsche, die während des „Pfadikratie“-Lagers an der Wunschleine angebracht wurden, ausgewertet:

Im Jahr 2002 trafen sich etwa 3.000 PfadfinderInnen aus ganz Deutschland zu Pfingsten in Glashagen. Die PfadfinderInnen starteten eine Aktion, bei der alle einen Wunsch für die Zukunft aufschreiben und auf eine Leine hängen konnten. Dabei entstanden knapp 600 Wünsche, die dann in eine Holzkiste gepackt wurden und jetzt stehen sie hier neben mir im Büro des Kreistages. Die Kinder und Jugendlichen wünschten sich unter anderem Weltfrieden, keinen Krieg, Toleranz, ein gutes Miteinander, keinen Streit, keine Drogen, Freiheit, mehr Kommunikation, gutes Wetter im Lager, keine Ausländerfeindlichkeit, Freundschaft, Rücksicht auf die Natur, Achtung und Respekt vor jedeM, keine Terroranschläge, mehr Pfadfinderfahrten, saubere Dixies im Lager, schöne Spiele im Lager, keine Vorurteile, keine Tierquälerei, Gleichberechtigung, Bildung für alle, eine stärkere Förderung der Jugend, verantwortungsbewusste Politiker … Einzelne Leute wünschten sich Ehrlichkeit, Verständnis, Senken der Steuern, keine Waffen, Erhalt der Demokratie, eine härtere Bestrafung für Gewaltverbrechen und einen netteren Umgang unter den Leuten.

Es wurden auch Wünsche wie weniger Politik, Legalisierung von weichen Drogen, mehr Randgruppen, keine Grenzen und einige andere genannt. Derjenige, der den Wunsch „Legalisierung von weichen Drogen“ geäußert hat, hätte sich vielleicht vorher damit beschäftigen sollen, denn dann wüsste er, dass nach aktuellem Stand nicht mehr nach harten und weichen Drogen, sondern nach harten und weichen Konsumenten unterschieden wird. Ein weiterer Wunsch, der meiner Meinung nach eher fragwürdig ist, lautet: „Frieden, Freiheit, Anarchie, Viva la Revolution!“ Vielleicht bin ich ja falsch informiert, aber ich weiß nicht, was Frieden mit Anarchie zu tun hat und warum es in Deutschland eine Revolution geben sollte. Aber sonst haben die meisten Leute das Aufschreiben der Wünsche sehr ernst genommen und sie lassen sich unterteilen in: • einige kurze Schlagwörter und • längere Wunschtexte

Beide Varianten sind stark vertreten und einige Sachen heben sich besonders hervor, wie z.B. die Wünsche der Mitglieder des Stammes Zugvögel, Gruppe Wildkatzen, die die Wunschzettel alle bunt bemalt haben. Meistens sind es ganz normale weiße Blätter in Folie, die etwas schmutzig sind und die Kinder schrieben mit Bleistift oder mit Buntstift und oft in schlechter Orthographie. Die meisten Wünsche wirken eher fordernd, aber es gibt auch welche, die etwas gutheißen, z.B.: „Ich finde Pfadfinder klasse, weil man in der Natur etwas machen kann.“ Und viele suchen das friedliche Miteinander und sind interessiert aneinander, denn sie wünschen sich, dass es öfter solche Lager gibt und dass man viele Freunde findet. Auf mich wirkt diese Wunschkiste mit ein paar Ausnahmen sehr kindlich und interessant. Fast alle wollen nur Gutes. Ich frage mich, ob die Erwachsenen, die diese Werte heute nicht mehr vermitteln, auch mal so gedacht haben, als sie noch Kinder waren. Denn, wenn alle nach diesen Wünschen leben würden, müsste die Welt wie ein Paradies sein. Sie müssen aufpassen, dass sie ihre Wünsche nicht vergessen und sie auch leben bzw. weiterleben! Ich muss sagen, ich habe mich am Anfang, als mir diese Aufgabe erteilt wurde, gefragt, wozu das gut sein soll und mich etwas darüber lustig gemacht. Ich sah diese dreckige Kiste auf den sauberen Blättern im Büro des Kreistages, wo ich zur Zeit meine Ausbildung absolviere, stehen und empfand sie als völlig fehl am Platz. Als ob dieses Büro viel zu fein für diese dreckige Kiste sei! Das ist falsch, denn warum sollen wir uns über diese Kinder und Jugendlichen lustig machen? Es ist doch schließlich wichtig, ihre Gedanken und Wünsche zu kennen und es ist gut, dass sie noch so denken. Mit unserer Unaufmerksamkeit und dass wir sie nicht für voll nehmen, wächst ihre spätere Unzufriedenheit. Sie werden sich vielleicht verlassen und unwichtig vorkommen wenn der Staat sie ignoriert. Ich habe gedacht, dass das doch eh nichts bringt, wenn sie mal eben auf einen Zettel schreiben, dass sie Frieden wollen. Aber dass gerade diese Jugendlichen von den Grundwerten sprechen, die wichtig sind und nach denen wir leben sollten, fiel mir erst auf, als ich einige der Blätter gelesen habe. Diese Kinder und Jugendlichen wissen noch, worauf es ankommt, und einige unter ihnen sind wahrscheinlich die wahren Denker. Ich wünsche ihnen alles Gute! Ich finde es gut, dass sie noch keine ‚Egal-Einstellung‘ haben. Sie wollen gehört werden und sind interessiert an der Welt und wollen Gutes für sie. Wir sollten diese Jugendlichen fördern, damit sie diese Einstellung beibehalten und sie anderen vermitteln können. Sie haben mich auch etwas gelehrt und etwas in mir zurückgeholt, das ich fast vergessen habe: „Ich wünsche mir, dass es immer Menschen geben wird, die sich für das Leben und die Rechte anderer Menschen einsetzen, auch wenn dies nicht immer gelingt und dabei nicht aufgeben.“ „Mein Wunsch fängt klein an: Ich wünsche mir, dass man dem Menschen, den man auf der Straße im Zug, auf der Arbeit, im Feld, im Zeltlager, etc. begegnet, anlächelt. Egal ob es der Nachbar, ein Freund oder ein Fremder ist. Überall auf der Welt.“ „Ich wünsche mir, dass alle Menschen für eine bestimmte Zeit lang blind sind, damit sie lernen mit dem Herzen zu sehen.“ „Ich wünsche mir, dass durch die Pfadfinder viele Jugendliche eine Freizeitbeschäftigung finden, so dass Jugendliche nicht mehr alleine rumhängen oder in rechtsextremistische und/oder kriminelle Organisationen eintreten. Jugendliche brauchen eine Freizeitbeschäftigung, in der sie auch lernen, andere Menschen zu achten.“ Diese Wünsche sind mir besonders aufgefallen und sie spiegeln den grundsätzlichen Sinn der Wünsche aller, die ich jetzt im Kopf habe, wenn ich an die PfadfinderInnen und ihre Wunschleine denke.

Kathleen Holznagel
(Auszubildende beim Landkreis Nordvorpommern)