Im Sonderzug nach Glashagen

Bei den Vorbereitungen zu „Pfadikratie“ sprach mich schon zu einem frühen Zeitpunkt Klemens an und erklärte mir seinen Wunsch und seine Vorstellungen von einer stilvollen und gemeinsamen Anreise zum Pfingstlager: Züge sollten durch die Republik fahren und alle PfadfinderInnen an zentralen Bahnhöfen einsammeln. Das Ziel fast alle „Pfadikratie“- TeilnehmerInnen per Bahn nach Glashagen zu befördern wurde konkret. Schnell waren die Ideen vom Ost- und vom Westzug geboren und harrten ihrer Umsetzung. Woher bekommen wir die Züge? Wird die Anreise für die TeilnehmerInnen bezahlbar? Damit verbrachte Klemens unsagbar viel Vorbereitungszeit und am Ende konnte das Ziel zu einem bezahlbaren Preis erreicht werden. Zwei Züge mit der maximalen Wagonzahl konnten für unser Vorhaben gemietet werden und brachten tatsächlich nahezu alle PfadfinderInnen zum Gutshaus nach Glashagen.

Bei der Einfahrt in die Bahnhöfe gings dann durch alle Lautsprecher: „Es fährt ein, der „Pfadikratiezug“ des Deutschen Pfadfinderverbandes“. Kurz vor jeder Einfahrt ging die „Pfadizei“ – unser eigenes Team von Zugbegleitern – durch die Wagons und sorgte dafür, dass für die am Bahnhof Wartenden genug Platz in den Abteilen war. Den einen oder die andere musste man dazu aus den Träumen reißen und in das vorgesehene Abteil zurückschicken. Sobald der Zug dann zum Halten kam, stiegen 15 PfadfinderInnen in „Pfadizeiuniform“ aus dem Zug und lotsten die jubelnde Menge in die richtigen Wagons und nach Abfahrt an die vorgesehenen Plätze. Im Spieleabteil konnten dann Brettspiele entliehen werden und das Bistroabteil sorgte für das eine oder andre Zusatzwohl. Auf der Fahrt durch die Republik legten sich aber viele auch gleich aufs Ohr.

Andere wiederum holten ihre Gitarren hervor und sangen und spielten, bis auch sie der Schlaf übermannte. Unsere beiden Schaffner und ein paar Ältere hatten währenddessen die Hände voll damit zu tun, die Übermütigen davon abzubringen, ihre Köpfe all zu weit in den Fahrtwind ragen zu lassen. Zu groß war dann doch für den einen oder anderen die Begeisterung, in einem Zug unterwegs zu sein, voller PfadfinderInnen. Den Bahnhof Wittenhagen – unser Aussteigebahnhof – hatte die Bahn in Erwartung des zu erwartenden Andranges von nahezu 3.000 PfadfinderInnen extra säubern und ordentliche Müllbehälter anbringen lassen. So wirkte das verfallene und verwucherte Areal etwas freundlicher. Aus Sicherheitsgründen wurde sogar ein Team der Bahnpolizei zu den Ankunftszeiten abgeordnet. Die Beamten waren begeistert, wie wir mit unseren HelferInnen das Aussteigen organisierten. Während des Lagers stellte sich in den abendlichen Teambesprechungen dann heraus, dass wir für das Einsteigen bei der Rückfahrt noch nicht gut vorbereitet waren. Die Abreiseorganisation wurde damit zu einer der wichtigsten Planungsaufgaben auf dem Lager selbst. Spießer, der das Lager eigentlich nur besuchen und mit vielen Leuten erzählen wollte, erklärte sich bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. Er stellte umgehend einen Planungsstab zusammen um die ‚Menschenmassen‘ an dem viel zu kleinen, eingleisigen Haltepunkt Wittenhagen zeitgerecht in die Züge zu bekommen. Die Bahn ließ dafür zwischen Ankunft und Weiterfahrt der jeweiligen Züge lediglich fünfzehn Minuten zu. Die Züge würden zwingend nach der vorgesehenen Haltedauer weiterfahren. Dies hatten die Bahnverantwortlichen vorher klar und deutlich vorgegeben.

Ein schier unmögliches Vorhaben, hatte es beim Ausstieg doch über eine halbe Stunde gedauert, bis die letzten PfadfinderInnen auf dem Weg zum Lagerplatz waren! Das Hauptproblem stellte unser sperriges Gepäck und die Tatsache dar, dass sich niemand vertun durfte, alle mussten den Wagon kennen, die Einstiegstür, das Abteil. Die engen Türen und Gänge ließen keine Zeit für Staus oder ein Stocken, alle mussten in den Zug rein, niemand durfte zurückbleiben. Die, die dabei gewesen sind, werden sich an die minutiöse Planung und die detaillierten Anweisungen von Spießer und seinem Team erinnern: Bereits in der Nacht wurden die letzten Vorbereitungen am Bahnhof getroffen: Gleise absperren, Wagonlängen abmessen, Standorte der Lotsen festlegen … Weiterhin Verteilen von Schildern und Informationen an die 70 fleißigen HelferInnen von Pfadfinderbund Mecklenburg-Vorpommern und Pfadfinder- und Pfadfinderinnenbund Nord.

Und dann das gespann-te Warten im Morgennebel auf die ersten müden PfadfinderInnen. Von nun an verlief alles wie von Geisterhand, alle kannten tatsächlich ihre Wagonnummer und fanden auch den vorgesehenen Platz am Bahnhof. Pünktlich und ohne Zwischenfälle harrten 1.200 PfadfinderInnen einstiegsbereit aus. Dann die Katastrophenmeldung: Unsere Lok hat einen Motorschaden, steht unbeweglich im anderen Bahnhof! Minuten später raste mit einem höllischen Getöse eine einzelne Ersatzlok aus dem Nebel kommend an uns vorbei und verschwand sogleich wieder. Dann endlich: drei Lichter tauchen auf, ein 412 m langer Zug fährt langsam in unseren viel zu kurzen Bahnhof ein. „Halt, zu weit, noch ein Stück zurück …“ und der Zug steht auf Position. Auch weiter vorne, in den Feldern, dort wo die Lok nur noch zu erahnen war, warteten die PfadfinderInnen. Jetzt ging es endlich los: Türen auf, dann Einsteigen in aller Ruhe. Ein beeindruckendes Bild, wie jede einzelne Aktion zeitgleich von einer Schar von eingeteilten HelferInnen durchgeführt wurde und dann alle PfadfinderInnen ohne Schwierigkeiten in ihr richtiges Zugabteil gelotst wurden. Wagon für Wagon schlossen sich die Türen, kam das verabredete Zeichen.

Der Zug war abfahrtbereit. Die angestrebte Zeitvorgabe von Spießers Team war zwölf Minuten. Nach nur neun Minuten waren über 1.200 PfadfinderInnen an ihren vorgesehenen Plätzen und der Zug konnte nach nur zehn Minuten Haltezeit losfahren. Beim zweiten Zug wurde das Szenario lässig wiederholt und es ging alles noch schneller. So konnte auch dieses Problem für die Lagerleitung erfolgreich gelöst werden, so dass für das Erleben aller TeilnehmerInnen am „Pfadikratie“-Lager auch die Abreise in angenehmer Erinnerung bleiben wird. Natürlich hatten wir für etwaige Reisebusse Vorbereitungen getroffen und Feldwege zu Einbahnstraßen umgewidmet, damit auch mit Bussen eine problemlose Anreise zum Lager möglich war. Aber es kam kein Einziger! Und das obwohl der Preis der Zuganreise teurer kalkuliert werden musste als der einer Busanreise. Aber alle PfadfinderInnen wollten beim Ost- und beim Westzug-Erlebnis dabei sein. Und es war ein echtes Erlebnis. An dem ökologischen und ökonomischen Erfolg dieses kleinen Wunsches von Klemens konnten auch die etwas über 150 PKW und Bullis nichts ändern, denen wir jedoch das Parken nur in sehr weiter Entfernung vom Lager möglich gemacht haben … Aber diese TeilnehmerInnen hätten wir auch in den Zügen nicht mehr unterbringen können!

Falko Feldchen Pfadfinderschaft
Süddeutschland

Jürgen Simeth
Deutscher Pfadfinderbund Mosaik