Anfang August 1998 war es endlich soweit. Langsam bevölkerten die ersten eintreffenden Pfadfinderinnen und Pfadfinder den Lagerplatz. Kohten und Jurten wurden aufgeschlagen, und langsam kam eine gewisse Atmosphäre im Lager auf. Viele der Teilnehmer waren schon längere Zeit unterwegs und hatten ihre Großfahrten in diesem Sommer schon hinter sich gebracht. Für andere wiederum war es der Beginn der alljährlichen Sommerfahrt. Doch für alle war eins gemeinsam: Spotkanle sollte das herausragende Ereignis in diesem Jahr für sie wie auch den DPV werden.

Nun war es also soweit. Spotkanie konnte beginnen! Doch die Entscheidung der Bünde auf der Mitgliederversammlung, ein DPV-Lager in Polen durchzuführen, lag fast schon drei Jahre zurück.

Die Idee

1995 reifte im DPV die Idee heran, anstatt der gemeinsamen — im 4-Jahresturnus stattfindenden — dreitägigen Pfingstlager erstmals ein Sommerlager, das auch ein paar Tage länger dauern sollte, im Ausland durchzuführen.
Während es für fast alle Pfadfinderbünde gang und gäbe ist, im Ausland auf Grossfahrt zu gehen oder Lager durchzuführen, hat der DPV bisher seine grossen Lager immer auf Deutschland beschränkt. Deshalb erschien es reizvoll, der Herausforderung eines Auslandslagers nachzukommen, wobei auch der Gedanke dahintersteckte, dass hier den Stämmen die Gelegenheit gegeben wird, das gastgebende Land auf einer sich anschließenden Fahrt noch weiter zu erkunden.
Nach einigen Überlegungen fiel die Wahl auf Polen, genauer gesagt auf Krzyzowa/Kreisau, 50 km von Wroclaw/Breslau entfernt, am Rande des Eulengebirges gelegen.
Auf dem ehemaligen Gutshof der Familie Moltke, fand sich in den Jahren 1942 und 1943 eine der wichtigsten Widerstandsgruppen gegen den Nationalsozialismus, nämlich der Kreisauer Kreis, zusammen.
Hier befindet sich mittlerweile eine Internationale Jugendbegegnungsstätte (IJBS), deren Gründung 1989 auf höchster politischer Ebene beschlossen worden war. 1997 sollten die hierfür notwendigen Umbaumaßnahmen zwar beendet sein, doch Restarbeiten standen immer noch an.
Aufgrund des historischen Hintergrundes von Krzyzowa/Kreisau lag es nahe, das Programm für die Teilnehmer ein wenig anders zu gestalten, als es von den vorangegangenen Lagern her bekannt war. Denn hier bot sich die Chance, ein Stück deutsche und polnische Geschichte direkt und unmittelbar zu erfahren. Und da die Umbauarbeiten an der Begegnungsstätte noch nicht endgültig beendet waren, konnte vielleicht noch manch helfende Pfadfinderhand ihren Beitrag dazu leisten.
Das Lager sollte also nicht nur ein gemeinsames Treffen der Bünde werden, sondern auch eine Begegnung mit einem Land und seinen Menschen, das für viele von uns noch ein unbekanntes ist. Spotkanie war geboren.

Die Vorbereitung

Im Vorfeld des Lagers war schon bald abzusehen, dass — entgegen der vorangegangenen Grossveranstaltungen des DPV — die Anzahl der Teilnehmer wie auch der teilnehmenden Bünde weitaus geringer sein würde. Die Gründe hierfür waren schnell gefunden. Viele Stämme und Bünde zogen es vor, ihre alljährlichen Bundeslager und Grossfahrten durchzuführen und so dem Lager in Polen eine Absage zu erteilen.
Wenn auch nicht ganz einfach, fand sich dennoch schon bald ein Vorbereitungsteam zusammen, und langsam nahm das Lager hinsichtlich Organisation und Programm Gestalt an.
Wie bei vielen DPV-Aktionen sollte auch das Gelingen von Spotkanie in den Händen der teilnehmenden Bünde liegen. Doch neu war, dass das Lagerprogramm in direktem Zusammenhang mit dem Ort des Geschehens stehen sollte.
So wie der DPV mit seinen Bünden eine grosse Vielfalt darstellt, sollte auch Spotkanie diesem Anspruch gerecht werden. Für die Teilnehmer sollte eine grosse Anzahl von Programmmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Die Ökologie rund um die Begegnungsstätte, und — sicherlich herausragend — die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes Krzyzowa/Kreisau sollten dabei die Säulen des Programms bilden. Abgerundet werden sollte das Ganze durch verschiedene Workshops, angeboten durch die Teilnehmer, sowie ein Lagercafé, welches Möglichkeiten zum Lesen, Diskutieren oder Musizieren geben sollte.
Aber auch die Begegnung mit jungen Polen war ein erklärtes Ziel von Spotkanie, und deshalb wollten sich die Bünde um polnische Partnergruppen bemühen, um mit diesen das Lager gemeinsam zu erleben. Leider ist dieser Anspruch aber nicht erfüllt worden, denn am Ende sollte nur eine verschwindend geringe Zahl von polnischen Jugendlichen am Lager teilnehmen.
Von Beginn an war klar, dass einige der Programmpunkte — insbesondere aus dem historischen Bereich — nur mit zusätzlicher, fachlicher Hilfe durchgeführt werden konnten. Hierbei tat sich die Möglichkeit auf, Unterstützung durch die Mitarbeiter der IJBS zu erfahren.
Im Gespräch mit Vertretern der Begegnungsstätte zeigten sich diese anfangs ausserordentlich kooperativ und sagten uns in vielen Bereichen — besonders in organisatorischen und logistischen Dingen — ihre Unterstützung zu. Viele Aufgaben, die eigentlich durch das Vorbereitungsteam hätten bewältigt werden müssen, wurden uns so abgenommen.

Die Absage

Im Sommer 1997 trat die Oder in weiten Teilen Polens über die Ufer. Menschen kamen ums Leben, Häuser stürzten zusammen, ganze Ortschaften wurden von der Aussenwelt abgeschnitten. Die Altstadt von Wroclaw/Breslau stand unter Wasser, die Infrastruktur einer ganzen Region brach zusammen. In Polen herrschte Ausnahmezustand.
Auch Krzyzowa/Kreisau blieb nicht vom Hochwasser verschont. Der Lagerplatz glich einer kleinen Seenlandschaft, Kellerräume der Begegnungsstätte, die wir als Café nutzen wollten, standen unter Wasser. An eine Durchführung des Lagers war nicht zu denken.
Vor dem Hintergrund dieser Katastrofe musste Spotkanie zwei Wochen vor Beginn abgesagt werden!

Der Neuanfang

Die Absage war für viele eine herbe Enttäuschung, insbesondere, da mehr als anderthalb Jahre Vorbereitungszeit ins Land gegangen waren. Trotz einiger Bedenken wurde gemeinsam im September 1997 beschlossen, es nochmals zu versuchen und Spotkanie in Krzyzowa/Kreisau durchzuführen.
Während die Vorbereitungen für Spotkanie im darauffolgenden Herbst gerade wieder anliefen, erhielten wir zu unserer grossen Überraschung von der Verwaltung der IJBS Kreisau für die Nutzung des Platzes wie auch der Räumlichkeiten einen ablehnenden Bescheid, weil sie sich nicht in der Lage sah, das Risiko für ein erneutes "Land unter" (mit) zu tragen.
Nach der Absage im vorausgegangenen Sommer aufgrund der Hochwasserkatastrofe war dies eine weitere grosse Enttäuschung. Denn der Ort Krzyzowa/Kreisau mit seiner durch den alten Gutshof ausstrahlenden Atmosphäre sollte nicht nur als Lagerplatz dienen, sondern stellte im Programm eine besondere Position dar, die nun entfallen würde.
Also begann die Suche nach einem neuen Lagerplatz, der dann auch in Sulistrowice, einem Ort etwa 30 km südlich von Wroclaw/Breslau gefunden wurde. Eigentlich ein kleines Hüttendorf, das aber auch genügend Platz für Kohten und Jurten bot.
Nach Begutachtung des Platzes wurde das Programm an die neuen Verhältnisse angepasst. Die geplanten Themen Ökologie und Geschichte im Lagerprogramm sowie eine breite Programmauswahl sollten auf jeden Fall erhalten bleiben.
Bitte zu Tisch, die Vorspeise ist serviert...

Das Lager

Insgesamt 371 Pfadfinder aus neun verschiedenen Bünden des DPV sowie etwa 20 polnische Jugendliche bevölkerten ab dem 3. August den Lagerplatz bei Sulistrowice, ganz im Schatten des Zobten gelegen. Umsäumt von den kleinen Spitzgiebelhütten standen die Jurten und Kohten der Sippen und Stämme. Dazwischen hoch aufragend die Jurtenburg und, etwas abseits, aber doch mitten im Geschehen, das Lagercafé.
Wichtigster Anlaufpunkt im Lager war aber, abgesehen natürlich von der Essensausgabe, das "Schwarze Brett". Denn hier wurde das Programm für die nächsten Tage vorgestellt. Vielfalt wurde hier besonders gross geschrieben, teilte sich das Programm doch in mehrere Bereiche auf. Herausragend waren hierbei natürlich die Bereiche Ökologie und Geschichte. Workshops unterschiedlichster Art rundeten die ganze Sache ab. Alles spielte sich in kleinen und mittleren Gruppen ab. Gemeinsame Programmpunkte, an denen das gesamte Lager teilnahm, gab es nur wenige.
Und hier, am "Schwarzen Brett", hatten die Teilnehmer auch die mehr oder weniger schwere Entscheidung für sich zu treffen, an welchem Programmpunkt sie am nächsten Tag teilnehmen wollten.
Einen Ausflug nach Krzyzowa/Kreisau, um etwas über den Kreisauer Kreis zu erfahren, eine Stadterkundung in Wroclaw/Breslau, eine Besichtigung des ehemaligen Konzentrationslagers Grossrosen, im Bereich Ökologie das Wasser des nahgelegenen Sees untersuchen, die Teilnahme am Workshop "Bauchtanz" oder, eher ungewöhnlich für ein Pfadfinderlager, den Abend im Lagerkino verbringen. Jeder Teilnehmer konnte sich sein eigenes Spotkanie-Programm selbst zusammenstellen. Mal etwas fürs Hirn, mal etwas für die Sinne!
Das Lagerleben stellte sich recht dynamisch dar. Aufgrund der vielen Angebote fanden sich auch immer wieder Gruppen unterschiedlichster Herkunft zusammen. So entwickelte sich eine ausgesprochene Lebendigkeit im Lager, die jeden Abend im Lagercafé ihren Höhepunkt fand.
Schon nach vier Tagen näherte sich das Lager dem Ende. Krönender Abschluss bildete der Galaabend mit einem mehrgängigen Festmenü, das den Teilnehmern von der Lagermannschaft serviert wurde. Aufführungen verschiedenster Art, angefangen von Sketchen über Bauchtanz bis hin zu einem brodelndem Sambamix, sorgten für einen unvergeßlichen Abend.
Abschliessend betrachtet war Spotkanie für den einzelnen Teilnehmer wie auch für den DPV ein grosser Erfolg. Dies mag zum einen am gelungenen Programm und der reibungslos verlaufenden Organisation gelegen haben, zum anderen sicherlich auch an der Atmosphäre, die im Lager geherrscht hat.
Enttäuschend, dass die ursprüngliche Idee, das Lager gemeinsam mit polnischen Pfadfindern durchzuführen, leider nicht zustande gekommen ist. Dennoch ist die Idee Spotkanie aufgegangen und war für den DPV eine wichtige Erfahrung. Denn, was dieses Lager besonders ausmachte, war die Begegnung der Pfadfinder untereinander. Zustande gekommen, weil die Teilnehmerzahl eben nicht bei mehreren Tausend lag, sondern eher nur bei einigen Hundert. Auch wenn dies anfangs für viele sicherlich eine Enttäuschung darstellte: Hier hatte der einzelne eine viel grössere Möglichkeit, Menschen kennenzulernen und neue Freundschaften zu knüpfen. In der "anonymen Menge" unterzugehen, war einfach nicht möglich. Insbesondere, weil auch das Programm in überschaubaren Gruppenstärken ablief. Hier konnte die Vielfalt des DPV nicht nur gesehen, sondern auch erlebt werden.

aus "Deutscher Pfadfinderverband Dokumentation 5", gekürzt wiedergegeben, Seite 73 ff. von Ralf Larscheid