Eine Initiative des Deutschen Pfadfinderverbandes für mehr Menschlichkeit, Internationalität und das Kennenlernen anderer Kulturen.

 

Jeder von uns hat sich vor langer Zeit in seinem Pfadfinderversprechen dazu verpflichtet: Für den Einsatz für die Menschlichkeit — unser Gewissen, für den Einsatz am Nächsten und für den Einsatz für die Gesellschaft.
Dieser Verpflichtung wollen wir einmal mehr nachkommen mit der Initiative des Deutschen Pfadflnderverbandes Fremde finden Freunde. Anlass für die Initiative ist die sich in unserem Land verbreitende fremdenfeindliche Einstellung und die bis heute fortschreitenden gewalttätigen Ausschreitungen gegen Asylsuchende, ausländische Mitbürger und anders lebende oder denkende Minderheiten.
Diese Initiative will etwas bewegen. Sie will die Stärkung von Freundschaft, Nachbarschaft, Verständigung und Frieden erreichen. Sie will zeigen, dass Deutschland ein Land für alle ist, für Starke und Schwache, für Deutsche und Menschen anderer Herkunft oder Nationalität.
Bei den Aktionen kommt es nicht in erster Linie auf die Menge der Menschen an, die mit einbezogen werden, sondern auf die Qualität der Mensch-Mensch-Beziehungen.
Die Aktionen sollen Spass machen, sollen Pfadfinderinnen und Pfadfindern aller Altersstufen aufzeigen, was sie persönlich gewinnen, wenn sie sich auf eine wie auch immer geartetete Beziehung zu Fremden einlassen, sollen das Erlebnis vermitteln, dass aus Fremden Freunde werden können.

... etwas lernen: Über und von den Fremden, aber auch über uns selbst. Welchen Vorurteilen hängen wir an. Welche Vorstellungen haben wir über die Lebenssituation, die Kultur und die Wertevorstellungen der Ausländer. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, wenn wir ein friedliches Zusammenleben in unserer Gesellschaft anstreben. Denn erst wenn wir wissen, wer die Fremden sind, wie sie hier und in ihrer Heimat leben, können wir die von uns und von den anderen geforderten Anpassungsbeiträge festlegen. Dabei wird uns vielleicht auch klarer, was uns unsere Gesellschaft bedeutet, der Lebenskonsens und Lebensstandard, den wir erreicht haben, unser Grundgesetz und die Werte, für die wir uns einsetzen sollen. Dies setzt zwangsläufig voraus, dass wir:

... den Dialog suchen und führen: Wir wollen Wege finden, mit Ausländern in Kontakt zu treten. Vielleicht gelingt es uns, auch mit denjenigen zu reden, die den Fremden Hass und Verachtung entgegenbringen. Den Dialog mit Rechtsradikalen zu beginnen, ist sicher schwierig und unter Umständen auch gefährlich. Aber wir wollen schliesslich daran arbeiten, dass sich etwas ändert. Unsere Stärke liegt nicht in unserer zahlenmässigen Grösse, sondern in der Pfadfinderidee, die wir überzeugend vorleben und damit fremdenfeindlicher und rechtsradikaler Gesinnung eine wirkliche Alternative bieten können.

... Stellung beziehen: Immer noch werden Pfadfinder von schlecht informierten Bürgern in die konservativ-militärische Ecke gerückt. Hier müssen wir uns abgrenzen. Zu wenige Pfadfinder haben zudem bislang die Herausforderung angenommen und als Pfadfinder öffentlich Stellung bezogen. Einige Aktionen sollen (öffentlichkeits-) wirksam zeigen, wo und wofür wir stehen! Ganz besonders deutlich können wir dies demonstrieren, wenn wir:

... konkrete Hilfe leisten: Hilfe wollen wir dort leisten, wo unser Beistand gebraucht wird. Fremde finden Freunde ist eine Initiative für Menschlichkeit. Diesem Wert sollen die von den Stämmen in Angriff genommenen Hilfsprojekte dienen: Die Hilfe, die jeder von uns erwarten oder sich wünschen würde, wenn er oder sie sich in ähnlicher Situation im fremden Land wiederfinden würde und sich den gleichen Schwierigkeiten und Angriffen ausgesetzt sähe wie die Fremden hier.

Wie wurden diese Ziele im Verband verinnerlicht und umgesetzt? 18 Monate nach dem Startschuss für Fremde finden Freunde konnte festgestellt werden, dass von allen dem DPV angehörenden Gliederungen (dies können allerdings auch einzelne eines Stammes sein) ca.:

 

  • 8o% etwas über sich und die Fremden in irgendeiner Form gelernt haben,
  • 20% den Dialog gesucht haben,
  • 15% Stellung bezogen haben und
  • 20% konkrete Hilfe geleistet haben.
Ein im Vergleich innerhalb und ausserhalb des Verbandes, insbesondere in der Gegenüberstellung zu anderen zentral initiierten Aktionen, ein respektables Ergebnis.

Auch heute noch gefragt — das Aktionsheft

Von Mitgliedern des Arbeitskreises DPV und Gesellschaft wurde ein Aktionsheft zusammengestellt, das allen potentiellen Aktionsleitern das Herangehen an das Thema und das Starten konkreter Aktionen erleichtern sollte.
Viele praktische Entscheidungshilfen und konkrete Projektvorschläge, die sich an den Zielen der Initiative orientieren, werden darin vorgestellt. Sie sind nach Altersstufen gegliedert. Gruppen, die bereits ähnliche Projekte durchgeführt haben, berichten über ihre Erfahrungen. Ein umfangreiches Medienverzeichnis mit Kurzvorstellungen sowie eine Auflistung aller relevanten Länder- und Bundesadressen der wichtigen Ansprechpartner machten und machen das Heft zu einem praxisnahen Arbeitsmittel, beispielsweise zur direkten Planung einer Gruppenstunde.

Vernetzung vor Ort

Engagierte und im DPV bekannte Persönlichkeiten konnten für die Besetzung der 8 Regionalkoordinatoren gewonnen werden. Ihre Aufgabe war es:
  • mit allen interessierten Stämmen in ihrer Region Kontakt aufzunehmen und sie über die Initiative zu informieren,
  • die Stämme zum Mitmachen zu motivieren, Treffen zu organisieren, auf denen Ideen ausgetauscht und diskutiert werden,
  • den Aktivisten mit Rat und Tat bei der Durchführung der einzelnen Projekte zur Seite zu stehen,
  • darüber informiert zu sein, welche Projekte und Aktionen in ihrer Region geplant sind oder schon laufen,
  • die Öffentlichkeitsarbeit über die Initiative regional zu koordinieren,
  • Erfolge und Misserfolge heraus- und zur Diskussion zu stellen.
Mit Kleister und Spucke: Um die Initiative ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken, wurden unterschiedliche Träger des gut gelungenen Zeichens und Mottos hergestellt: Aufkleber, Postkarten, Plakate halfen, die einzelnen Aktionen bundesweit zu vernetzen und die offenkundige Unterstützung unserer Initiative zu erhöhen. Insbesondere Aufkleber waren stark gefragt und mussten nachgedruckt werden.

Startschuss, aber leise: Am 17. November 1993 (Buß- und Bettag) rückte ein Treffen aller Aktionsleiter als Startschuss die Initiative Fremde finden Freunde ins Bewußtsein. Arbeitskreis und Regionalkoordinatoren tauschten sich in den folgenden Monaten kontinuierlich über den Fortgang der Aktionen aus und versuchten, die Erfahrungen aus der Entwicklung guter Ideen wie auch aus auftretenden Problemen den Aktionsträgern vor Ort zur Verfügung zu stellen.
Medien und Presse schienen nicht besonders an unserer Initiative interessiert zu sein, wie aus der Resonanz auf eine aufwendige Pressemitteilungsaktion abzuleiten war.

Ein Meilenstein: Das Meilenstein-Treffen um den Pfadfindertag 1994 (22-24. April) markierte einerseits den vorläufigen Höhepunkt der Aktion, andererseits gingen aber auch neue Impulse zur Fortführung oder Gründung neuer Aktionen und Initiativen zur Ausländerproblematik von diesem Treffen aus. Das Programm mit den Highlights:

  • Aufführung eines Mitmachtheaterstücks,
  • Kurztraining in Zivilcourage,
  • Großgruppen-Rollenspiel,
  • themenorientierte Singerunde,
  • Gebet zur Sache und
  • Provokation zum Problemfeld Ausgrenzung.
Es war ein Volltreffer. Zutreffend war dieser Begriff auch auf die Auswahl der Referenten, die dieses Mal mehrheitlich von ausserhalb des Verbandes kamen. Wie gut dies tun kann, hatte ja bereits das erste Rotenburger Seminar gezeigt.
Meilenstein war nicht nur für den DPV ein Markstein, vergleichbar mit dem Wasgonia einleitenden legendären Stammesführertreffen in Immenhausen 2 1/2 Jahre zuvor, sondern auch ein Denkmal für den langjährigen Mitarbeiter des Verbandes, Mundy (Rüdiger Alexa), der diese beiden Veranstaltungen dirigierte und mit Tiefgang ausstattete. Er starb zu früh.

Eine Bilanz. Sicher kann man uns vorwerfen, auf die Ereignisse in Mölln und Rostock spät reagiert zu haben. Unser Anliegen mit Fremde finden Freunde war jedoch nicht tagespolitischer Natur.
Internationalität und Offenheit fremden Kulturen gegenüber sind immer zentrale Bestandteile des Pfadfindertums gewesen. Dieser Sachverhalt hilft nicht unbedingt, den Verantwortlichen im Verband deutlich zu machen, dass die gesellschaftliche Situation in unserem Land explizite Bekenntnisse und Taten erfordert.
Es war dagegen notwendig, eine DPV-authentische Vorgehensweise zu entwickeln, mit der sich die Mehrzahl der Mitgliedsbünde identifizieren würde. Ansonsten hätte eine solche Initiative nur als Umhängeschild für die Öffentlichkeit und das eigene Gewissen gedient.
Ergebnis war eine durch zentrale Unterstützung herausgeforderte Beschäftigung der Bünde und Stämme mit der Thematik, die bis heute anhält und hoffentlich für die zukünftigen gesellschaftlichen Aufgaben und Probleme sensibilisiert. Und es hat Spaß gemacht!