"Der Bund Deutscher Pfadfinder hatte 1963 die glückliche Idee, junge Leute aus verschiedenen Ländern zu einem Lager im Freien einzuladen, wo sie zusammen, während einiger Tage, die Idee des vereinigten Europas leben könnten.
Diese schöne Anregung wurde im vergangenen Jahr im internationalen Lager Europolis 67 auf dem Hohen Meißner verwirklicht. Dort, vom 8. - 13. August, Mädchen und Jungen aus sieben Ländern Europas hatten Gelegenheit, sich kennenzulernen, ernst miteinander zu sprechen, zu spielen und auch über ihre Liebhaberei zu sprechen. Eine gute Freundschaft ist davon geboren, und was am wichtigsten ist, alle haben die feste Absicht, in Zukunft jedes Jahr dieses Projekt weiterzuführen, damit die Jugend Europas einmal im Jahr Gelegenheit haben könne, zusammen für ein besseres und verbundenes Europa zu arbeiten."

(Originaltext aus einem spanischen Lagerbrief von Europolis 1968)

Im Sommer 1967 fand das erste Europolis-Lager am Hohen Meißner statt. Veranstalter war ein Kreis junger Bünde mit starker Unterstützung aus dem Deutschen Pfadfinderbund (DPB), der seine eben aufgenommene enge Zusammenarbeit mit der Organization Juvenil Espanola (OJE) mit einbrachte.
Europolis II folgte dann im Sommer 1968 in Los Palancares bei Cuenca. Als Träger fungierte die OJE. Im nächsten Jahr fand Europolis III bei Wien statt. Ausgerichtet wurde es vom Österreichischen Wandervogel. Noch in diesem Lager wurde das vierte Europolis für den Sommer 1970 ausgerufen. Wegen der innenpolitischen Lage in Portugal mußte es leider abgesagt werden.
Erst 15 Jahre später, im Jahre 1985, wurde dieses Lager dann von der OJE wiederum in Cuenca veranstaltet und die Idee von der Stadt Europas weitergeführt. Weitere fünf Jahre vergingen, bis der DPV nach langen Vorüberlegungen entschied, die Tradition fortzusetzen und Europolis V im Jahre 1990 bei Stuttgart zu veranstalten.
Es war zwar nicht die gesamte Jugend Europas, die sich dort auf der Jungviehweide bei Waldenbuch versammelte. Möglicherweise erlebte aber gerade dieser kleine Teil europäischer Jugend in diesem Lager Europa am intensivsten und schönsten.

"Europolis '90 - Brücke für Europa".

Dieses Motto sollte das Ziel des Lagers verdeutlichen, eine innere Brücke zwischen den verschiedenen Kulturen und Volksgruppen Europas zu bauen. Versinnbildlicht wurde das Motto durch den Bau einer großen Brücke aus Holz, die bei der Abschlußfeier von allen Lagerteilnehmern überquert werden sollte; als Symbol dafür, daß Probleme und Differenzen überbrückbar sind, und gemeinsam der Schritt in die Zukunft gewagt werden kann.Das EUROPOLIS - Parlament.
Mitglieder aus sieben DPV-Bünden bildeten die Lagermannschaft. Sie bauten Europolis erst im Kopf, später auf dem Papier und zum Schluß in der Realität. Diese Stadt wurde ein Erfolg, weil viel Zeit darauf verwandt wurde, sie zunächst in den Köpfen fertigzubauen, bevor Wasserleitungen gelegt und Holz herangeschafft war.
Für die 250 Pfadfinderinnen und Pfadfinder, die letzlich kamen, war alles bereit. Sie trafen auf eine richtige Stadt mit Arbeitsamt und Kulturcafé, Bürgermeister und "Fräulein vom Amt", Funk- und Radiostation. Sie brauchten alles nur noch in Besitz zu nehmen. Das taten sie dann mit Begeisterung und machten eine Musterstadt darauSänftenrennens. Sie erkundeten Stuttgart, gaben dem Café eine glänzende Eröffnung, kochten, hämmerten und stickten, schufen so Produkte für die Marktstraße, bevölkerten Straßburg und diskutierten im Europa-Parlament. Ihren Stadtbezirken gaben sie witzige Namen und gestalteten sie nach ihren Vorstellungen.
Sie spielten ohne Grenzen, lösten die Umweltprobleme von Kybernetien und ließen den Boden der Disco zittern. Zuletzt überschritten sie die Brücke, die sie unter der brennenden Sonne gebaut hatten. Sie gaben Europolis V einen grandiosen Abschied, nahmen es mit in ihre Heimat, wo es fortlebt, bis die nächsten ein Bild in ihren Köpfen entstehen lassen — aus dem Glauben an die Idee des friedlichen Miteinander der Völker und Kulturen.

Jörg Krautmacher

Siloporü

Endlich! Der Kopierer spuckt das letzte Blatt der neuesten Ausgabe von SILOPORÜ aus. Die Redaktion atmet auf. In unseren Köpfen summt das monotone Kopiergeräusch weiter. Jetzt kommt noch das Falten, Falten, Falten... Der Countdown läuft: ...147, 148, 149, 150... Nach dem Tackern steht eine kleine Gruppe erschöpfter Pfadis vor einem Stapel Hefte. Erleichterung steigt auf. Wir werden wieder ein wenig wach. Jetzt können auch noch die bunten Plakate aufgehängt werden. Wir schnappen uns also die Plakate, Reißnägel und Tesa und treten vor die Tür. Das ganze Lager ist in weißen Nebel eingepackt. Alles schläft. Gleich ist es sieben.
Als wir vom Aufhängen der Plakate zurückkommen, begegnen wir den ersten Frühaufstehern: Na, auch schon wach?" fragen sie uns. "Nee, noch nicht im Bett!" Die meisten Nachtarbeiter verziehen sich daraufhin in ihre Schlafsäcke. Ich kann nicht schlafen. Im Rathaus betrachte ich noch einmal den Haufen SILOPORÜ. Kaum zu glauben. Als ich wieder nach draußen gehe, scheint mir die Sonne ins Gesicht. Nur in der Küche herrscht geschäftiges Treiben. Noch eine Weile Stille, dann wacht das Lager auf. Verschlafene Gestalten wanken in Richtung Waschraum. Ich hole mir in der Küche etwas Warmes zu trinken und berichte dem Küchenteam stolz von unserer nächtlichen Aktion. Sie geben mir das Versprechen, ein Exemplar zu kaufen. Pfadis betreten und verlassen die Waschräume. Viele schon vertraute Gesichter: die Teilnehmer aus der DDR, dort die Portugiesinnen aus meinem Unterlager, die Israelis, die Spanier aus dem Unterlager oben am Hang. "Wie wäre es, wenn du mal schlafen würdest?" spricht mich jemand an. Schaue ich so müde aus? Die Sonne steigt, und es wird wärmer und wärmer. AG‘s werden angeboten, man lernt sich kennen. Inzwischen laufen fast alle mit der neuen SILOPORÜ herum. Ich glaube, ich gehe jetzt schlafen. Nach einer Stunde wache ich auf: Wie soll man nur bei soviel Trubel, Heiterkeit, Lärm und und dieser Hitze schlafen?
Inzwischen ist es Mittag. Wir wollen uns ganz friedlich zum Essen niederlasssen, als vom Nebentisch ein furchtbares Geschrei ertönt. Alle zucken zusammen. "Das sind nur die Bayern!" beruhigt jemand. Gut, dann zähle ich mich eben nicht mehr zu den Bayern. Die Israelis fragen bei jedem Gericht: "Pork?" Nach einer Weile gewöhnt man sich an alles. Plötzlich kommen Pfadis mit dunkelblauen Kniestrümpfen an - die Polen. Man mustert einander scheu. Sprechen die Englisch? Nein, aber wie ich später feststelle, spricht einer relativ gut deutsch. Sie wollen nämlich einen Artikel für "SILOPORÜ" schreiben und bitten mich dazu um Hilfe. Total sympathisch.
Eine Weile danach, ich bin gerade dabei, einen Artikel zu tippen, wird das Rathaus von einer Gruppe Israelis gestürmt. Sie wollen auch etwas schreiben. Sie erklären mir in recht grausigem Englisch, was sie schreiben wollen, und ich bringe es in (hoffentlich) besserem Englisch zu Papier.
Mein Gott, ist das anstrengend! Andauernd kommen Leute vorbei, die sich das Rathaus genauer betrachten wollen. Manche entdecken dabei unser "Redaktions-Büro", und einige bieten sogar ihre Hilfe an. Dabei sind auch Teilnehmer aus der DDR. Sie beschweren sich, daß sie einige Artikel nicht verstünden, da sie kein Englisch gelernt hätten. Jetzt müssen wir auch noch alle englischen Artikel ins Deutsche übersetzen. Das Ergebnis: Die nächste Ausgabe erscheint mit der Aufschrift "deutsch, englisch, portugiesisch, israelisch, polnisch."
Südländisches Temperament brachte unser gesamtes Lager in Schwung. Auf die Dauer anstrengend, aber es hält an, bis zum Abschied. Sogar Tränen rollen. Geweint habe ich nicht, als das Lager zu Ende war. Ich habe mich sogar auf den Schlaf gefreut, nachdem ich in den letzten drei Tagen zusammen gerade sechs Stunden geschlafen hatte. Europolis war nur der Anfang für eine Reihe von Bekanntschaften und Freundschaften. Daß es außerdem längerfristige Aufgaben nach sich zog, eine tolle Erfahrung!