April 1986: Die Vorbereitungen für das DPV-Pfingstlager DOMINO 1986 laufen auf Hochtouren. Uber 5.000 Teilnehmer haben sich zu diesem nach dem Eifellager, der Cavalcade und dem Historischen Zug vierten Pfingstlager des Verbandes angemeldet. Auf dem Platz im Münsterland liegt bereits das Stangenholz bereit, die Wiesen werden gemäht, alles läuft wie am Schnürchen.
 
Doch dann passiert — Tausende von Kilometern vom Münsterland entfernt — das Undenkbare, das, womit keiner gerechnet hatte, das, was keiner sich vorzustellen in der Lage war. Am 26. April 1986 zerstörte in der fernen Ukraine eine nukleare Explosion den Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl. Was der Kreml in den ersten Tagen nach der Katastrophe, nach dem GAU, geheimhalten wollte, liess sich nicht lange verbergen. Schon meldeten die skandinavischen Staaten erhöhte Radioaktivität in der Luft, und bald auch ging radioaktiver Niederschlag über weiten Teilen Mitteleuropas, auch über Deutschland, nieder.
Das Lagergelände bei Wolbeck blieb von den Auswirkungen des Reaktorunglücks nicht verschont. Lagerleitung und DPV-Vorstand blieb keine andere Wahl, als eine Woche vor Lagerbeginn DOMINO abzusagen. Experten der nordrhein-westfälischen Landesregierung hatten dem DPV dringend abgeraten, das Lager stattfinden zu lassen. Es ging nicht anders, wollte der Verband verantwortungsbewusst handeln. Betroffenheit machte sich breit. Betroffenheit über die Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins angesichts der Katastrofe, welche den Menschen auf bitterste Art und Weise Grenzen und Folgen ihres Handelns vor Augen führte.
Die Bünde des Verbandes beschlossen, DOMINO 1986 ein Jahr später stattfinden zu lassen. Doch mit dieser Reaktion war es nicht getan. Tschernobyl konfrontierte den DPV mit Fragen, die weit über konkrete Lagerplanungen hinausgingen. Am 6. Juli 1986 verabschiedete die Bundesführerversammlung des DPV nach eingehender Diskussion folgende Resolution:
 
"Auf unser Pfingstlager DOMINO 86 hatten wir uns gefreut. Der Grund der Absage macht uns betroffen. Das Zeltlager unseres Verbandes musste abgesagt werden, da nach vielen widersprüchlichen Aussagen von Fachleuten und Behörden eine gesundheitliche Gefährdung der Teilnehmer nicht ausgeschlossen werden konnte. Das Grundrecht des Menschen auf körperliche Unversehrtheit konnte in Verbindung mit der Ausübung eines elementaren Grundsatzes der Pfadfindererziehung, nämlich dem Leben in und mit der Natur, für über 5.000 Menschen nicht mehr gewährleistet werden.
Wir empfinden es als unsere Pflicht, diese Grundlage unserer Arbeit für die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen zu vertreten und zu verteidigen. Unser Leben birgt notwendige und förderliche Risiken in sich. Ein Ziel des Fortschrittes und der Entwicklung der Menschheit sollte es jedoch sein, diese Risiken zu erkennen und sie zu vermindern.
Jedoch auch die Bereitschaft zum Eingehen eines Risikos hat ihre Grenzen. Diese Grenzen sind zum Schutz des Lebens immer dort zu setzen, wo der Mensch die ihm gegebene Möglichkeit der Beurteilung und der Einflussnahme nicht mehr hat. Der Unfall von Tschernobyl stellt uns vor die Frage, ob nicht die Anwendung von Technologien zu überdenken ist, deren Folgen nicht voraussehbar und berechenbar sind.
In dieser Situation hat uns besonders bestürzt, dass von amtlichen Stellen keine klaren Aussagen und von Politikern nur widersprüchliche und die Unsicherheit verstärkende Äusserungen zu hören waren.
Wir rufen die Mitglieder unseres Verbandes auf, die Betroffenheit im Zusammenhang mit der Absage des DOMINO-Lagers zum Anlass zu nehmen, sich auf den Grundlagen der Pfadfindererziehung intensiv mit den Fragen des Natur- und Umweltschutzes zu beschäftigen. Die Vielschichtigkeit dieser Thematik bietet für alle Altersstufen unserer Gruppen Einsatz- und Wirkungsbereiche, die noch weit über das bisher schon Geleistete hinausgehen können."

Die Vorbereitungen für DOMINO wurden für ein Jahr auf Eis gelegt. Doch Pfingsten 1987 war es dann endgültig soweit: DOMINO 1986 fand statt — in 1987. Das Programm war unverändert geblieben, auch das Lagerteam, und das schlechte Wetter tat der guten Stimmung keinen Abbruch. Doch Tschernobyl, der Grund der Absage 1986, war in den Gruppen nicht vergessen. An allen Ecken und Enden wurde Bezug darauf genommen: in den Eröffnungsreden, in Spielen, in Liedern und Theaterstücken. So hat Tschernobyl DPV-Geschichte geschrieben.

Eckart Conze (Moscito)

Dorfmarkt

Der Bank sind die Heller ausgegangen; für die frisch gepressten Fruchtsäfte gibts keine Früchte mehr. Impressionen vom Dorfmarkt um 21 Uhr. Doch fangen wir damit an, als die Bank noch genügend Batzen, Heller und Taler hatte: Noch vor der offiziellen Lagereröffnung waren Bam und seine Mannschaft dort in der Bank vollkommen überlastet. Im Unterlager 1 war der Tausch-Rausch ausgebrochen. Zeitweise mussten die Pfadfinder fast gewaltsam aus der Bank gewiesen werden, da sonst kein geordnetes Devisengeschäft möglich war.
Glück im Chaos: Um 18 Uhr verschwanden alle zur Eröffnung. Jetzt standen auch die Stände und Buden; Balken waren zusammengezimmert, Masten aufgestellt worden. Voller Betrieb auf dem Markt dann nach 19.30 Uhr. Da wird am Glücksrad gedreht, Crepes gebacken, Pfannkuchen bleiben auf den kleinen Gaskochern kalt. Die glücklichen Besitzer vieler Batzen können voll ihrer Ess- und Spielsucht frönen. Die erlesensten Spezialitäten werden feilgeboten. Crepes und Pfannkuchen sind schon erwähnt worden, aber auch Bratwürste, Reibekuchen und gebackene Makrelen finden reissenden Absatz. Nicht zu vergessen die süssen "Schweinereien" von Karamel bis zum Liebesapfel.
Beim Reiterkampf hat Lumpi seinen Auftritt. Er ermahnt als Unparteiischer die rittlings auf einem Balken sitzenden Kontrahenten zur Fairness, bevor sie sich mit Beuteln gegenseitig vom Balken zu schlagen suchen. Das endet auch häufig mit zwei unter dem Balken hängenden Mehlsäcken, die nicht voneinander lassen.
Nicht mehr erfolgreich sind die Werfer an der Negerkusswurfanlage. Nur selten schiesst ein Negerkuss in Richtung des Pfadfinders, der im Reflex voll zugreift und lediglich ein Wrack in den Händen hält.
Bei den reinen Glücksspielen komme ich allerdings ins Grübeln. Haben sie eine Berechtigung bei der Vielfalt der anderen Ideen, oder sollten sie nicht den kommerziellen Spielhallen vorbehalten bleiben?
Mit dem Kameramann des WDR wandere ich weiter, bewundere die Versuche eines Wölflings, beim "Hahnenschlag" einen Blumentopf mit verbundenen Augen zu zerschlagen, und lande schliesslich bei der Wahl des "Mister Domino". Der Moderator versteht es vortrefflich, die Vorzüge der drei Kandidaten hervorzuheben, und sie ihr Muskelspiel zeigen zu lassen. Doch die Jury kommt zu keinem klaren Ergebnis - zwei erste Plätze teilen sich mehr oder minder kräftige Burschen vom DPB Hamburg.

Christian

Floßwettfahrt

Pünktlich um 14 Uhr versammeln sich die Teilnehmer mit insgesamt zehn Flößen am Startplatz Angelmodde an der Werse. Man startet in zwei Gruppen: Pfadfindergruppe sieben Flöße, Rovergruppe drei Flöße. Was in den folgenden 20 Minuten zu Wasser gelassen wird, mutet teils professionell, teils abenteuerlich an. Einige der Gefährte lassen schon zu Lande die ihnen mangelnde Stabilität erahnen. So sitzen denn auch manche Teilnehmer, kaum dass sie an Bord gegangen sind, schon bis zu den Knien im Wasser. Aber aus Sicherheitsgründen muss jedes Besatzungsmitglied eine Schwimmweste tragen; das beruhigt ungemein.
Bei den Konstruktionen zeigt sich viel Phantasie: als Auftriebskörper herrschen LKW-Schläuche vor, aber auch Benzinkanister und Kunststofffässer sind darunter. Am professionellsten wirkt das Floß des VCP Schwelm. Man hat aufgeschnittende LKW-Schläuche längs in Fahrtrichtung unter dem Floß montiert, dies bietet weniger Wasserwiderstand. Es ist auch das einzige Floß, das mit einem Segel an den Start geht. Beim Start ein kurzer Sonnenstrahl, der für ein paar schöne Fotos reicht; die roten Schwimmwesten bringen Farbe ins Bild. Der VCP geht vom Start weg klar in Führung, mit dem Wind von achtern und vier kräftigen Paddeln. Leider können wir die Flöße auf ihrem fünf Kilometer langen Weg zum Ziel an der Mündung des Kreuzbachs nicht begleiten.
Erst am Ziel sehen wir sie wieder. Klarer Sieger mit zehn Minuten Vorsprung dank überlegener Konstruktion: der VCP mit Stefan, Mathias, Drögi und Andreas an Bord. Der Jubel am Ufer ist groß. Zweiter wird die Roverrunde der Wikinger mit sechs Mann an Bord auf Benzinkanistern.
Gänzlich unerwartet gehen alle Flöße durchs Ziel. Das letzte allerdings mit zwei Stunden Verspätung. Aber was solls: Mitmachen ist das Wesentliche, dabei gewesen zu sein, ist wichtiger als zu siegen.

Holger

Die Theaterstrassen

"Li—la—Zug, Li—la—Zug..." Es ist kaum zu glauben: Da stehen etwa 3.000 Wölflinge, Pfadfinderinnen und Pfadfinder, Rover und Altpfadfinder und rufen gemeinsam nach dem lila Zug. Und da taucht er auch schon auf aus dem Unterlager 6. Grosser Jubel ertönt. Tatsächlich, nur zehn Minuten später als geplant stehen alle zwölf Zuschauerzüge bei Fackelschein an der Bühne des Versammlungsplatzes. Ich stehe auf der Bühne mit Frack, Zylinder und Wanderschuhen. Nun also soll die grosse Oper "Prinz Noturno" folgen, und ich bin sicher, dass auch diese hinhauen wird. Mir steckt ein Kloss im Hals, denn auch ich kann mich der Begeisterung und Spannung, die sich da vor mir abspielt, nicht mehr entziehen.
Drei Wochen vorher: Zusammen mit Ulla liege ich bei mir im Wohnzimmer auf dem Boden. Um uns herum Unmengen von Zettelchen mit Aufschriften der 45 verschiedenen Aufführungen, die zusammen ein Kulturprogramm von 21 Stunden und 20 Minuten bieten, fast ein ganzer Tag!
Unsere Aufgabe bestand darin, dieses Programm auf 13 Bühnen so zu verteilen, dass alle zwölf Zuschauerzüge ein interessantes Programm erleben können. Jeder Zug sollte knapp zwei Stunden Programm sehen, wobei er die Bühnen wechseln soll. Auf die Minute musste geplant werden. Und so sollte es am Pfingstsonntag zum Beispiel um 20.30 Uhr zugehen:
Der rosa Zug ist auf dem Weg von UL 3 zum UL 1 und kann unterwegs seinen Opernakt einstudieren; der hellblaue Zug sieht das Ende eines Thaterstücks der Angerländer an der Freifeldbühne im UL 4; der ocker Zug geniesst einen Puppentanz, einen Neger- und einen Chinesentanz an der Bühne des Versammlungsplatzes; die letzten fünf Minuten von "Atomio" auf der Marktbühne im UL 2 erlebt der dunkelblaue Zug; "Umweltbolde" heisst das Theaterspiel, das dem gelben Zug an der Halbjurtenbühne 2 im UL 6 geboten wird; bereits über den Telefonsketch gelacht und die Eulenmoritat hörend, verweilt der braune Zug an der Freifeldbühne des UL 5; "Grünkäppchen" läuft für den grauen Zug an der Halbjurtenbühne 1 im UL 6; der weisse Zug ist unterwegs ins UL 3 zur Wikingerjurtenburg, er kommt vom "Freischütz" an der Bühne des Versammlungsplatzes; pantomimisch geht es auf der Hamburger Bühne im UL 1 zu, zu Gast der orange Zug; der lila Zug übt seinen Opernakt ein, irgendwo auf dem Weg vom UL 1 zum Versammlungsplatz; grün sieht der Geschichtenerzähler und seine Musikanten auf der Kunstbühne im UL 2; der rote Zug hat sich auf alle Bühnen im UL 3 verteilt, wo die Theaterstücke "Menschen in der Natur", "Emil und die Detektive" und die "Puppenfabrik" laufen.
So sollte es laufen, und das drei Stunden lang. Nachdem ich zunächst brieflich und dann im Lager auch noch die Zugführer und Bühnenmeister überzeugen konnte, dass alles klappen wird, konnten die Billets verteilt werden und Punkt 19 Uhr das Spektakel beginnen. Nun war nichts mehr aufzuhalten. Es war die erste Stunde (nein Stunden) der Wahrheit und der Zugführer, ihrer "Schäferhunde" und der Bühnenmeister. "Wenn die jetzt nicht aufpassen, dann ist das Chaos perfekt." Bei diesen Kämpferinnen und Kämpfern müssen wir uns besonders bedanken. Es war aber auch beeindruckend, wie diszipliniert die Zuschauer mitgespielt haben; es sind eben Pfadfinder.
Und nun führen diese Zuschauer eine Oper mit über 3.000 Akteuren auf. Nun sind sie die Künstler und bieten den Darstellern dieses grosse Werk. Die haben dieses grandiose Schauspiel verdient. Denn durch ihre harte Vorbereitung haben sie Tausenden von Jungen und Mädchen, Männern und Frauen einen einmaligen, eindrucksvollen und niveaureichen Abend geboten. Einen Abend, wie wir ihn wohl sobald nicht mehr erleben werden. Es hat also geklappt. Bleibt die Frage: "Was machen wir das nächste Mal?"