Ein Blick hinter die Kulissen

Die Idee, einmal nicht ortsgebunden auf der Wiese zu lagern, sondern mit Tausenden von Pfadfindern durch das Land zu ziehen, sorgte im Vorfeld des "Historischen Zuges" für Begeisterung.Deutscher Pfadfinderbund Westmark auf dem Historischen Zug Pfingsten 1982 Der Zug des Dr. Eisenbarth
So wurden selbst Historiker nach Ereignissen befragt, die man an Ort und Stelle nachspielen könnte. Schnell stiess man auf Bad Karlshafen, das um 1700 von aus Glaubensgründen aus Frankreich vertriebenen Hugenotten unter der Schutzherrschaft des hessischen Landgrafen gegründet woEine historische Karte des Zugesrden war.
Die Spielidee war, dass der Landgraf nun nach Fertigstellung der Stadt das Volk einlädt, um einen Stadtrat einzusetzen.
Nach intensiver Beschäftigung mit der Geschichte und den örtlichen Gegebenheiten ergaben sich acht Züge, die sich sternförmig auf Bad Karlshafen zubewegen sollten. Da gab es Züge mit Karls Gefolge, AuFußmarschswanderern, Baron von Münchhausen mit Anhang, Doktor Eisenbart mit Tross, Räuberhorden, fahrendes Volk und natürlich die Hugenotten.
Und nun ging es los: Aufteilung der Bünde auf die acht  KarawaneZüge, Festlegung der Routen im Gelände, Suche von immerhin 12 Lagerplätzen rund um Bad Karlshafen, das heisst jeweils Genehmigung, Kohtenstangen, Wasser und alles, was zu einem Lager von mehreren hundert Pfadfindern gehört, besorgen und anschliessend alles koordinieren. Nun wird auch der "Antrag auf Erlaubnis von Wanderungen" gestellt — eine Akte, die nach Hannover geschickt wird und dort erhebliche Verwirrung stiftet. Ein solcher Zug ist auch bei den Behörden neu! Da wir durch die Länder Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen ziehen werden, muss natürlich auf Ministerebene entschieden werden. Das dauert und dauert. Immerhin kommt die Genehmigung 14 Tage vor Beginn des Zuges aus Braunschweig.

Fahrendes Folk
Schnorrer, Penner, schräge Narren...

... So hieß eines der vielen Lieder, die vom Zug des fahrenden Volkes gerne angestimmt wurden. Dieses Lied trifft nicht auf alle Teilnehmer zu, denn auch "ehrenvolles Volk" zog mit, als da waren Zirkusleute, Pestkranke, Wunderheiler, Scherenschleifer, Wahrsager, ambulante Händlerinnen. Der ursprüngliche Plan sah vor, die Weser mit Flössen zu bezwingen und in Bad Karlshafen anzulanden.
400 Jungen und Mädchen sowie vier Haflinger waren es, die am Freitagabend vor Pfingsten in Hofgeismar nachtlagerten. In der Festhalle der Stadt oder auf den Rasenflächen davor hatten wir unser Bündel aufgeschnürt und versucht, noch ein wenig Schlaf zu bekommen. — Sechs Uhr morgens weckte eine Landknechtstrommel, um acht sollte der grosse Zug starten; Blockwagen und andere, teilweise selbst erstellte Transportmittel wurden recht abenteuerlich beladen, die Kutsche eingespannt. Noch war es angenehm kühl, aber der Tag brachte noch viel Hitze. Ein gemeinsames Lied in grosser Runde, anschliessend der Abmarsch. Schnell zog sich der Zug auseinander, Fusskranke fielen zurück, Karren erwiesen sich als untauglich, das Gros jedoch erreichte am frühen Vormittag die Ausläufer des Reinhardswaldes, die ein wenig Schatten brachten. Das bunte Volk unseres Zuges übte sich nach der Mittagsrast auf einer Waldwegkreuzung im Stelzenlaufen, Wagenrennen und Steinestossen. Untermalt wurde die Szene durch ein lautstarkes Froschkonzert, wie es noch keiner erlebt hatte.
Friedrichsfeld, ein Dorf mit 250 Einwohnern, war darauf vorbereitet, dass 400 Pfadfinder im Ort übernachten wollten. An das fahrende Volk waren Zettel mit Gauner-Zinken verteilt worden; diese Zeichen mussten an den Quartieren gesucht werden. Es gab vielerlei Uberraschungen, da falsche und auch irreleitende Zinken angebracht worden waren. Seit bereits einer Woche war auf Plakaten im Dorf angeschlagen, dass ab 20 Uhr ein Dorffest veranstaltet würde. Für uns war es eine Art Generalprobe unserer Darbietungen für das bevorstehende Hafenfest des Landgrafen Carl am nächsten Abend. Endlich, nach kurzer Eröffnungsrede und Begrüssung der Dorfbewohner, begann das bunte Jahrmarkttreiben. Puppenspiele wurden aufgeführt, Quacksalber zeigten ihre Wunderheilungen an den Pestkranken, Artisten und Zirkusleute präsentierten eine vielbeklatschte Vorführung, Riechsalze, Essenzen und Seifen wurden feilgeboten. Kinder ritten stolz auf den Haflingern; begehrt waren auch die Auskünfte der Wahrsagerinnen. Bis in die Dunkelheit hinein wurde nach den Melodien der Gaukler und Musikanten, die mit Fiedeln, Gitarren und Flöten aufspielten, getanzt.Der Convent in Carlshafen
Die Route für den kommenden Tag war in der Nacht neu erkundet worden: Das unwegsame Tal des Flusses Holzape stellte sich für unsere Kutsche als Problem heraus. Gefälle und Steigung beanspruchten unsere mitgeführten Fahrzeuge arg, so dass alle Älteren nicht nur die Kutsche, sondern streckenweise auch Diana, unser Zugpferd, schieben mussten. Doch gut 30 Minuten vor der vereinbarten Zeit trafen wir auf das Zugende der Hugenotten, die ebenfalls kurz vorher den Treffpunkt erreicht hatten. Von hier aus ging es das letzte Stück gemeinsam durch die Ortschaft Helmarshausen und auf die Krukenburg hinauf. Ein imposantes Bild in der dazu passenden Landschaft!

wuer
Pfadfinderbund Nord

Convent im Hafen

Am Sonntagabend breitete sich erneut Hektik im Lager aus. Die einzelnen Züge formierten sich, um gemeinsam in einem riesigen Zug hinunter nach Bad Karlshafen zu ziehen und dort der Einsetzung des Stadtrates der neuen Stadt beizuwohnen. Als Fahnenschwinger marschierten wir an der Spitze des riesigen Menschenwurms, der sich vom Lagerplatz an der Krukenburg den Berg hinunterwälzte. Unmittelbar hinter uns folgte der Fanfarenzug, der den gesamten Weg nach Bad Karlshafen hinunter laut trommelnd und blasend unser Kommen ankündigte.Abschlußfeier im Hof der Krukenburg
Nach einer halben Stunde erreichten wir den Ortseingang und zogen über die Diemel in die Stadt ein. So zogen wir die Weserstrasse hinunter in Richtung Hafen. Viele Schaulustige standen am Strassenrand und bestaunten uns. Als wir den Hafen, umbaut von Häusern mit schönen Barockfassaden, erreichten, sahen wir, dass ihn viele erwartungsvolle Zuschauer säumten — es sollen über 3.000 gewesen sein.
Für unsere Züge war vor der Bühne eine Fläche freigehalten worden. Die Fanfarenbläser und wir wurden sofort auf die Bühne geschickt. Von dort oben konnten wir hervorragend übersehen, wie sich die Fläche vor der Bühne mit Menschen füllte. Zuerst strömte Carls Gefolge auf seine Plätze, dann folgten Eisenbart, die Hugenotten, die Auswanderer, fahrendes Volk und zum Schluss zwielichtige Räuber. Nun konnte es losgehen. Als Auftakt blies der Fanfarenzug, und wir schwangen unsere Fahnen.
Danach stellten die Züge sich vor, überbrachten ihre Geschenke und stellten ihren Vertreter für den Stadtrat vor. Carls Gefolge grüßte seinen Fürsten mit zwei Sätzen aus Händels Wassermusik und einem Trommelsolo. Die Hugenotten und das fahrende Volk tanzten, und Dr. Eisenbart heilte Carls Schwester vom Ohrensausen. Sein eigens dafür entwickeltes Ohrrohr war ihm nicht zu schade als Geschenk.Gemeinschaft in Vielfalt - Abschlußfeier nach dem Historischen Zug
Carl stiess mit den Vertretern der Züge auf das Wohl der Stadt an.
Nachdem sich die Züge vorgestellt hatten, folgte ein rauschendes Fest rund um den Hafen. Da wurde gesungen und gewerkt, Schuhputzer eilten geschäftig auf und ab, Soldaten exerzierten, Feuerschlucker beleuchteten den inzwischen dunklen Hafen, Zauberer liessen gefesselte Leute in Kisten verschwinden und andere gefesselte wieder auftauchen, Mönche verkauften Ablassbriefe, Handwerker zeigten die selbstgefertigten Produkte, kleine Theaterstücke wurden aufgeführt, Puppenspieler mit ihren Figuren und Moritatensänger erzählten Geschichten, Fechter zeigten die hohe Schule der Fechtkunst, Zeitungssänger verkündeten das Neueste aus dem hessischen Land, auf der Bühne vollführten Akrobaten tollkühne Kunststücke und bauten Menschenpyramiden, und vor der Bühne tanzte das Volk.
Dann bliesen die Fanfaren erneut und überall im Hafen entflammten die Fackeln und beleuchteten die offizielle Einsetzung des Stadtrates. Zu den schon bekannten Repräsentanten der Züge wurden noch der Jäger Wittke von Helmarshausen sowie der Bürger Wehmeier von Bad Karlshafen in den Stadtrat berufen, Bürgermeister Wehmeier kündigte unter Jubel an, dass künftig Steuern nach eigenem Ermessen, mindestens zehn Prozent, erhoben würden, Braurecht eingeführt und zur Erinnerung an diesen Tag alljährlich zwei Tage gefeiert werde, und dass, wer sich bei Spitzbübereien erwischen lasse, an den Pranger komme.
Danach formierte sich der gesamte Zug wieder und zog in einem endlos langen Fackelzug, angeführt von Carls Karosse, zurück zur Krukenburg.