Das Eifellager 1974 mit seinen 2292 Teilnehmern war allen noch in bester Erinnerung, als Mitte 1977 der Entschluss gefasst wurde, Pfingsten 1978 wieder zu einem Lager des DPV einzuladen. Natürlich sollte das Lager wieder ausschliesslich von ehrenamtlichen Leitern und Helfern vorbereitet und durchgeführt werden. Eine tatendurstige Mannschaft fand sich schnell, die ein Jahr lang unter erheblichem zeitlichen, vor allem aber ideellem Einsatz die Vorbereitungen vorantrieb und auch nicht aufgab, als die Teilnehmerzahl nach und nach auf fast 5000 anschwall — es kamen nachher genau 4951 Jungen und Mädchen auf den Lagerplatz an der "Blauen Kuppe" bei Eschwege.

Vorbereitungen und Schwierigkeiten

Zunächst wurde nach monatelangem Suchen ein von der Größe her geeigneter und auch finanzierbarer Platz für das Lager gefunden: der Übungsplatz des Bundesgrenzschutzes bei Eschwege in der landschaftlich reizvollen Gegend des Hohen Meissners und des Werragebietes. Nach Abschluss der notwendigen Verträge begann die eigentliche Vorbereitung: sanitäre Einrichtungen, Brennholz, Kohtenstangen, Funkgeräte, Stromgeneratoren beschaffen, Wasserleitung bauen, Verträge mit Kreisbehörden, Rotem Kreuz, Müllabfuhr, Grossküche, Lebensmittelhandel, Busbetrieben, Polizei und Förstern schliessen. Dazu kamen tausend andere Kleinigkeiten und auch bald die ersten Schwierigkeiten, denn plötzlich wollte ein Schäfer eine Woche vor dem Lager seine Schafe über den Platz treiben — ihm wurde eine andere Weide gepachtet —, ein Bauer Heu auf dem Platz machen — wir bezahlten ihm den Verdienstausfall —, ein grösserer Teil des Platzes wurde mit Fichten bepflanzt — wir stoppten die Aktion für die Zeit des Lagers —, eine für uns überraschende Motocross-Veranstaltung machte den Platz vor dem Lager fast zur Wüste. Für die Mannschaft hiess es: Nerven behalten und weitermachen!
Inzwischen bereiteten sich auch die Bünde intensiv auf das Lager vor. Stämme verschiedener Bünde nahmen Kontakt per Kassette miteinander auf und verabredeten abendliche Treffen auf dem Lager. Die Jungen und Mädchen begannen, ihren "Eintritt" für das Lager zu sammeln: gebrauchte Briefmarken, die nach dem Lager zu den Bodelschwingh-Anstalten in Bethel gebracht wurden — über 700.000 Briefmarken kamen zusammen! Das Lagerlied wurde komponiert, Filme für das Lagerkino ausgewählt, Stände für die Informationsschau der Bünde vorbereitet, die Bürgermeister der Heimatorte aufgefordert, eine Grußbotschaft an den Bürgermeister von Eschwege zu schreiben usw. Dazu kamen natürlich die organisatorischen Vorbereitungen wie die Beschaffung von Sonderzügen, Sonderbussen usw.
Je näher das Lager rückte, um so mehr war das Leben der Bünde durch die Vorbereitungen auf das Lager beherrscht. Der erste grosse "Test" fand am Wochenende um den 1. Mai statt. Über 250 Ältere aus allen Bünden fuhren zum Lagerplatz und arbeiteten buchstäblich bis zum Umfallen. Mit 23 Motorsägen wurden gleichzeitig Bäume gefällt, dahinter kamen die Kolonnen mit den Beilen, und am Abend waren 2093 Bäume zu Kohtenstangen verarbeitet. Parallel dazu befreiten ca. 50 Leute den Platz — immerhin 36 ha — von Munitionsresten, Stacheldraht und allem, woran sich jemand hätte verletzen können. Dass dann abends im "Holzfällercamp" die Stimmung hohe Wellen schlug — wen wundert es?

Das Lager entsteht

In der Woche vor Pfingsten kam die Lagermannschaft mit Abordnungen der Bünde auf dem Platz zusammen, um die letzten Vorbereitungen zu treffen. 50 Mann aus allen Teilen der Bundesrepublik arbeiteten 6 Tage in ausgesprochen freundschaftlicher Atmosphäre zusammen, um alles das aufzubauen, was für ein so grosses Lager notwendig war. 120 Festmeter Brennholz und die 2100 Stangen wurden auf den Platz gefahren, Toilettenwagen, Müllcontainer aufgestellt, die Waschanlage mit 200 Wasserhähnen gebaut, die beiden Sanitätsstationen und das Lagerzentrum hergerichtet, das Lagertor, die Fahnenmasten und die Bühne errichtet und vieles andere mehr, was die Teilnehmer und Besucher überhaupt nicht bemerkten, was aber für den reibungslosen Ablauf des Lagers unerlässlich war. Ziel eines solchen Lagers muss es ja sein, dass jede Gruppe ein Höchstmass an Freiheit für die eigene Gestaltung der Tage hat, aber trotzdem alles reibungslos verläuft, die Gruppen sich gegenseitig nicht in ihren Unternehmungen beeinträchtigen, und alle 5000 Kinder und Jugendlichen gesund und zufrieden und voller Erlebnisse nach Hause fahren.
Am Freitag vor Pfingsten wurde es dann "ernst". Die Vorkommandos der Bünde erschienen auf dem Platz und errichteten die ersten Zelte, empfingen Holz und Stangen für die Unterlager der Bünde und bereiteten die Ankunft der Gruppen vor, die ja zum Teil mitten in der Nacht nach langer Fahrt eintreffen sollten. Kurz vor Einbruch der Dämmerung rollten die ersten Busse auf den Platz, und erwartungsfrohe Pfadfinder und Pfadfinderinnen begannen, die Zelte zu errichten, während die Mannschaft noch die letzten Kleinigkeiten erledigte.
Die Pfingsttage fielen in diesem Jahr genau auf die "Eisheiligen" — und so war das Wetter auch! Die ganze Nacht regnete es, und die Temperaturen lagen nur wenige Grade über dem Gefrierpunkt; oben auf dem Hohen Meissner — nur wenige Kilometer entfernt — lag sogar eine dünne Schneedecke. Wenn auch in dieser Nacht und in den folgenden Tagen so mancher Pfadfinder ob der klammen Finger bei der Arbeit still vor sich hingeflucht haben mag, so kann ein solches Wetter natürlich niemanden davon abhalten, trotzdem zum Lager zu erscheinen. Und so rollte in finsterer Nacht bei Sturm, Regen und Kälte ein Bus nach dem anderen durch das Lagertor auf den Platz, entliess eine mehr oder minder verschlafene Gruppe von Pfadfindern und verschwand wieder in der Dunkelheit.
Gegen Mitternacht traf auch der erste Sonderzug in Eschwege ein. Fast 300 Hamburger Jungen und Mädchen machten sich unter Fackelbeleuchtung auf und wanderten, das Gepäck und sämtliches Fahrtenmaterial auf dem Rücken, die 10 km zum Lager. Nicht alle mussten ihr Gepäck bis zum Lager tragen, denn die Polizisten, die den langen Zug der Pfadfinder auf der Strasse absicherten, hatten ein gutes Herz und packten die Tornister der kleinsten Wölflinge in und auf ihre Fahrzeuge — bald rollten zwei Tornisterberge mit Blaulicht auf das Lager zu.
Als es am nächsten Morgen hell wurde, war im wahrsten Sinne des Wortes "über Nacht" ein Lager entstanden. Den ganzen Vormittag über kamen weitere Gruppen, lieferten am Lagertor ihren "Eintritt" — die Briefmarken für Bethel — ab, bekamen ihr Lagerzeichen und suchten dann anhand der Hinweisschilder und ausgehängten Pläne ihre Unterlager.
Um 12 Uhr gab es noch einmal Aufsehen in Eschwege, als der Sonderzug mit den Kölner Gruppen eintraf. Der Zug war länger als der Bahnhof — eine nicht ganz ungefährliche Situation! 1200 Pfadfinder und Pfadfinderinnen stürmten aus dem Bahnhof, formierten sich zu einem endlos scheinenden Zug und wanderten zum Lager an der "Blauen Kuppe". Ob alle Autofahrer das so nett fanden wie die Bewohner von Eschwege, die am Wegesrand standen, lässt sich bezweifeln.
Cavalcade - Lager der 5000 Cavalcade - das große Pfingstlager Eröffnungsrunde

Das "Turnier der Steckenpferde an der Blauen Kuppe"

Als um 15 Uhr zur offiziellen Eröffnung des Lagers zur Bühne gerufen wurde, waren praktisch alle Gruppen eingetroffen. Wie viele Pfadfinder wirklich auf dem riesigen Platz waren, merkte man jetzt, als es von allen Seiten herbeiströmte und sich eine erwartungsfrohe Menge vor der Bühne niederliess. Als Lagerleiter wird einem in solchen Momenten bewusst, auf was man sich da eigentlich eingelassen hat! Das Hissen der Flaggen — auch jener der ausländischen Gastgruppen — zeigte das Ende der Eröffnungsfeier an und gab das Signal zum Beginn des "Riesenspiels". Es bildeten sich 8 Mannschaften mit je über 500 Jungen und Mädchen. Dann begann das Tauziehen — das Tau ächzte ganz schön, als an jeder Seite 500 unter lauten Anfeuerungsrufen zogen, aber es hielt. Auf dem Platz war ein ungeheurer Trubel — auch beim folgenden "Römischen Wagenrennen", bei dem speziell dafür gebaute Holzgestelle benutzt wurden und an jedem "Wagen" allein 20 Mann zogen. Höhepunkt des "Riesenspiels" war es, als die Jungen und Mädchen der siegenden Mannschaft 500 Luftballons mit ihren Adressen aufsteigen liessen. Der Wind trieb die Luftballons schnell nach Osten über die Grenze in die DDR hinein. Viele Antworten in den folgenden Wochen zeigten, dass die Luftballons z. T. bis weit hinter Eisenach geflogen waren.
Am Abend dieses ersten Lagertages trafen sich die Pfadfindergruppen untereinander beim "Kassettenspiel", d. h. sie trafen sich mit der Gruppe, mit der sie schon Wochen vorher per Kassette Kontakt aufgenommen hatten. Lieder wurden ausgetauscht, von der jeweiligen Stadt oder Gemeinde erzählt und Spezialitäten der jeweiligen Landschaft gegessen.
Währenddessen begannen über 1000 Wölflinge an einem riesigen Lagerfeuer ihr "Piratenspiel" mit schaurigen Gesängen von Seeräubern. In den nächsten zwei Tagen sah man diese verwegene Schar, in ihren malerischen Kostümen und mit den bunten Totenkopffahnen überall schatzsuchend und sich in Spielen auf abenteuerliche Seefahrten vorbereitend auf dem Platz. Der Schatz wurde am Sonntag dann wirklich gefunden: eine Kiste voller Süssigkeiten!
Doch zunächst einmal wurde es ruhig im Lager. Alle schliefen den Schlaf der Gerechten — bis auf die insgesamt 23 besten Pfadfindersippen der Bünde, die Sonntagmorgen um 2.00 Uhr zum Pfadfinderlauf aufbrachen — zur Überraschung aller mit Bussen, die sie kreuz und quer durch die Gegend fuhren und dann mitten im finsteren Wald absetzten. Die Gruppen, die zuerst ein schwieriges Organisationsspiel gelöst hatten, starteten als erste in die dunkle Nacht. Es galt, Sternbilder am Himmel zu bestimmen, Morsesprüche zu entziffern" die über die Schneisen geblinkt wurden, Tiere nach TierschädeIn und Vögel nach Vogelstimmen zu erkennen, Knoten zu zeigen, Feuer mit nur einem Streichholz zu machen usw. Jede Gruppe, die etwas nicht konnte, bekam Wartezeiten zugeteilt. Und so waren die besten Gruppen bald vorn. Als die erste Gruppe um 10 Uhr völlig erschöpft und müde im Lager eintraf, um in der Sanitätsstation als letztem Posten ihr Können zu zeigen, hatte sie den wohl schwierigsten Pfadfinderlauf gewonnen, den der DPV bisher ausgeschrieben hatte. 15 der teilnehmenden Gruppen hatten vor dem Ziel aufgegeben!
Das große Spiel Ypshausen - eine Kinderstadt entsteht. 13 Bünde, 5000 Teilnehmer: Cavalcade

Der zweite Lagertag

Das Lager war inzwischen erwacht, und etwa 600 Jungen und Mädchen hatten sich zu einem ökumenischen Pfingstgottesdienst versammelt. Und dann folgte den ganzen Tag die "Arena an der Kleinen Kuppe", die die Vielfalt der Arbeit in den Gruppen zeigte. Es gab Arbeitsgemeinschaften, in denen gesungen und gewerkt wurde — z.B. Batik, Brettchenweben, Schweißen, lnstrumentenbau. Sport-Turniere — z. B. Fussball, Handball, Volleyball — wurden durchgeführt, ein "Spiel ohne Grenzen" zog viele hundert Jungen und Mädchen an. Grösste Attraktion war aber sicher "Ypshausen", die von einem Bund aufgebaute Kinderstadt mit eigener Feuerwehr, vielen Läden und Werkstätten, mit einem eigenen Bürgermeister und eigenem Geld, also auch einer Bank.
Das alles konnten auch die Besucher sehen, die von 15.00 bis 18.00 Uhr das Lager besuchen durften — und es kamen weit über 1000, denn das Fernsehen hatte über das Lager berichtet. Die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, denn die Autos der Besucher verstopften die kleinen Landstrassen in der Umgebung des Lagers und führten zu einem Verkehrsstau.
Aber auch die Lagermannschaft war in voller Aktion. Ein Teil hielt die "Organisation im Hintergrund" in Gang: geplatzte Wasserschläuche flicken, laufend Müll abfahren, Mittagessen pünktlich an die Unterlager liefern, frische Brötchen und Lebensmittel verkaufen, Sanitätsstation besetzen, Brennholz ausgeben, dem THW kostenlos 6000 Liter heissen Tee verteilen helfen, Funk- und Telefonverbindungen im Lager aufrechterhalten, Presse und offizielle Besucher betreuen, Lagerwache stellen, Besprechungen der Verantwortlichen durchführen, Fahrzeuge abschleppen, die den Weg für die Sanitätsfahrzeuge versperrten usw. Gleichzeitig wurden das Lagerkino und die lnformationsschau der Bünde betreut, auf dem "Postamt" Briefmarken und Postkarten mit der Ansicht des Lagers verkauft, ein Film vom Lager gedreht und eine Tondokumentation erstellt, Berichte für die täglich erscheinende Lagerzeitung geschrieben und die Lagerzeitung, die nachts gedruckt wurde, von "Zeitungsjungen" der Bünde verkauft. "Knüller" waren auf jeden Fall die 15minütigen Rundflüge über dem Lager, die von einem Bund organisierten Fahrten an die Grenze und das Brenneisen, mit dem man sich das Lagerzeichen an allen möglichen und unmöglichen Stellen einbrennen lassen konnte!
Am Abend des Sonntags trafen sich die Gruppen dann bei der Bühne zum Singwettstreit — aus jedem Bund trat die beste an. Einen nicht gerade positiven Einfluss hatte dabei das "Winterwetter", weshalb die Zahl der Zuhörer gegen Ende etwas spärlicher wurde.
Kurz vor Mitternacht trafen sich die Gruppenführer dann im festlichen Rahmen bei Fackelschein und Liedern an der "Blauen Kuppe", einem Talkessel zwischen urigem Basaltgestein — wie geschaffen für eine solche Veranstaltung. Die etwa 300 Gruppenführer hörten zwei Grundsatzansprachen von Sim und von Grimmschi über Sinn und Auftrag unserer Arbeit und die Grundlagen pfadfinderischer Führung.

Resümee

Am Montag kamen die Gruppen noch einmal an der "Kleinen Kuppe" zusammen. Dort bauten sie einen Jahrmarkt mit vielen Buden auf. Es ging lustig zu, und trotzdem lag schon Aufbruchstimmung über dem Lager. Mittags, bei der offiziellen Abschlussrunde" wurden die Sieger der Wettbewerbe bekanntgegeben und die Preise der Stadt Eschwege verteilt. Ein gemeinsames Lied beendete ein Lager, das trotz aller Kürze den Pfadfindern und Pfadfinderinnen in den Gruppen viel Spass gemacht hatte, das es in dieser Grösse seit 1933 — damals fand das legendäre letzte Lager der Bündischen Jugend in Munster mit 10.000 Teilnehmern statt — bei den deutschen Pfadfindern nicht mehr gegeben hatte.
Wie von Geisterhand verschwand in den nächsten Stunden das Lager — die Kohten und Jurten wurden abgebaut. Es kam zum ersten und letzten Chaos im Lager, als 50 Busse gleichzeitig auftauchten, um die Gruppen abzuholen. Und dann sass die Mannschaft auf einem fast leeren Platz — einige wenige Kohten von Gruppen, die noch einige Tage bleiben konnten, und Holzstapel am Wege zeugten davon, dass hier ein Lager stattgefunden hatte.

Wolf-Rainer Dix